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Drei Schweizer Medallien und viele neue Freundschaften.

  • Beat Stebler 
  • 6 Min. Lesezeit

Drei Medaillen, viele Freundschaften und eine wichtige Erkenntnis.

Eine intensive Woche an den World Masters Track Championships in London liegt hinter uns. Rund 500 Athletinnen und Athleten aus aller Welt haben im Olympiavelodrom um Medaillen, persönliche Bestleistungen und manchmal um Tausendstelsekunden gekämpft. Für mich waren es unvergessliche Tage voller Emotionen, spannender Rennen und Begegnungen, die weit über den Sport hinausgehen.

Auch die Schweizer Delegation darf zufrieden auf diese Masters-Weltmeisterschaften zurückblicken. Trotz eines deutlich kleineren Teams als im vergangenen Jahr reisen wir mit drei Bronzemedaillen nach Hause. Regula Ruchti holte Bronze im Sprint der Frauen 40–44, Domenico Semeraro wurde Dritter über 500 Meter in der Altersklasse 60–64 und Martin Ruepp sicherte sich Bronze im Scratch der 50–54-Jährigen. Dazu kam der erfreuliche 8. Platz von Andi Baumann im Sprint der 45- bis 49-Jährigen. Ich selbst bin mit Rang 8 im Scratch mehr als zufrieden.

Die grosse Abwesende: Barbara Schürch

Im vergangenen Jahr hatten die Schweizer sogar vier Goldmedaillen gewonnen. Dass wir diese Bilanz diesmal nicht wiederholen konnten, hängt auch mit einigen gewichtigen Abwesenheiten zusammen. Micah Gross setzte in dieser Saison andere sportliche Prioritäten. Besonders schmerzlich vermissten wir auch Barbara Schürch und ihren Lebenspartner Marcel Wyss, der gleichzeitig mein Haupttrainer ist.

Barbara wurde bei einem schweren Verkehrsunfall Mitte August lebensgefährlich verletzt. Ein Auto geriet auf die Gegenfahrbahn und erfasste sie. Sie lag im Koma und kämpft sich seither mit genau dem bewundernswerten Willen zurück ins Leben, der sie auch zur Weltmeisterin gemacht hat. Wer sie kennt, weiss, was für ein lebensfroher Mensch sie ist und wie viel positive Energie sie in unser Team bringt. Und das tut sie noch immer! Selbst aus der Rehabilitation schickt sie uns aufmunternde Nachrichten und fiebert bei unseren Rennen mit. Ich schreibe ganz bewusst in der Gegenwart, denn Barbara gehört zu unserem Team. Wir alle freuen uns auf den Tag, an dem sie hoffentlich wieder das Velodrom betritt. Mit ihr und Marcel fehlten uns zwei aussergewöhnlich starke Athleten, denen ich durchaus mehrere Goldmedaillen zugetraut hätte.

Bereichernde Gespräche neben der Bahn

Neben den Rennen waren für mich die vielen Gespräche mit Fahrern aus aller Welt besonders bereichernd. Vor allem der Austausch mit Australiern und Amerikanern, die den Masters-Bahnradsport in verschiedenen Altersklassen prägen, brachte interessante Erkenntnisse. Dabei wurde mir einmal mehr bewusst, wie hervorragend unsere Trainingsbedingungen in der Schweiz eigentlich sind. Mit dem Tissot Velodrome in Grenchen verfügen wir über eine erstklassige Infrastruktur, und auch bei den Trainern müssen wir uns international keineswegs verstecken. Marcel Wyss bringt als ehemaliger Profi und mehrfacher Teilnehmer an der Tour de France und am Giro d’Italia enorme Erfahrung mit. Joachim Ritter aus Dänemark betreut das Sprinttraining, der Brite Pete Mitchell vermittelt sein Wissen unter anderem in den Trainingslagern von Anadia in Portugal, und mit Stephan Bernhard haben wir einen hervorragenden Athletiktrainer, der direkt im Velodrom ein Fitnessstudio betreibt.

Wer glaubt, Masters-Radsport sei eine gemütliche Angelegenheit für ältere Semester, täuscht sich gewaltig. Auch hier wird Spitzensport betrieben, mit professioneller Trainingsplanung, Leistungsdiagnostik, gezieltem Krafttraining und minutiöser Rennvorbereitung. Das gilt für die Schweizer genauso wie für die Amerikaner und Australier. Doch einen entscheidenden Unterschied gibt es: Während die Amerikaner und Australier regelmässig Masters-Rennen in den verschiedenen Altersklassen bestreiten können, fehlen uns in der Schweiz die entsprechenden Rennmöglichkeiten weitgehend.

Rennerfahrung ist nicht zu ersetzen

Ein Australier erzählte mir, dass er mindestens einmal im Monat ein Rennen fährt. Dann sagte er einen Satz, der mir besonders in Erinnerung geblieben ist: «Die Tempohärte bekommst du nicht im Training, dafür musst du Rennen fahren.» Genau das habe ich in London selbst erlebt. Man kann Starts, Beschleunigungen und Sprints noch so intensiv trainieren. Wenn aber plötzlich ein Gegner neben einem auftaucht, die Nervosität steigt und in Sekundenbruchteilen Entscheidungen getroffen werden müssen, ist das eine völlig andere Welt.

Die Masters haben noch viel Potential

Gerade im Masters-Bereich sehe ich deshalb noch viel Potenzial. Die Schweizer Meisterschaft im Masters-Sprint wurde dieses Jahr leider nur wenig sichtbar ausgeschrieben und musste infolgedessen mangels Anmeldungen abgesagt werden. Erfreulich ist, dass das Tissot Velodrome und der Verein Velodrome Suisse versuchen, diese Lücke mit Trainings in Rennform zu schliessen. Ein wertvoller erster Schritt. Ich würde mir wünschen, dass auch Swiss Cycling dem Masters-Sport künftig etwas mehr Aufmerksamkeit schenkt. Die vier Schweizer Goldmedaillen des vergangenen Jahres fanden nach meiner Wahrnehmung in den Verbandsmedien kaum Beachtung. Dabei stellen die über 35-Jährigen im Schweizer Breitensport statistisch gesehen die Mehrheit der Velofahrenden. Sie bringen nicht nur viel Erfahrung und Motivation mit, sondern haben häufig auch die Möglichkeit, Zeit und Geld in ihren Sport zu investieren.

Was bleibt?

Was bleibt nun von dieser Woche in London? Natürlich die sportlichen Erinnerungen. Mein erster Scratch, die packenden Sprintduelle und der Moment, als meine Frau und mein Sohn voller Stolz auf mich blickten. Nach meinem Unfall im September überhaupt hier am Start stehen zu dürfen, war für mich schon ein besonderes Geschenk.

Mindestens ebenso wertvoll sind aber die Menschen, die ich kennenlernen durfte. Diese Masters-Weltmeisterschaften sind eine unglaubliche Gemeinschaft. Auf der Bahn wird kompromisslos gekämpft, daneben hilft man sich gegenseitig, tauscht Erfahrungen aus, gibt Tipps und freut sich über die Leistungen der anderen. Aus Konkurrenten werden Freunde, unabhängig von Nationalität oder Alter.

Dank

Ein besonderer Dank gilt Yves Jäggi für seine Unterstützung und Lorna, deren tägliche Massagen meine seit dem Sturz immer wieder verkrampfte Rückenmuskulatur lockerten und wesentlich zu meinen Resultaten beitrugen. Mein grösster Dank gilt meiner Familie, die besonders nach meinem Unfall viel durchmachen musste, stets hinter mir stand und alle Höhen und Tiefen mit mir teilte. Ohne euch wäre diese Woche nur halb so schön gewesen.

Ich bin nach London gereist, um mich mit den besten Masters-Fahrern der Welt zu messen, und kehre als Top-10-Scratch-Fahrer meiner Altersklasse nach Hause zurück. Ich nehme viele wertvolle Erkenntnisse und unvergessliche Erlebnisse mit, die ich in den vergangenen Tagen mit euch teilen durfte. Ich hoffe, meine Berichte haben euch gefallen, und danke dem Grenchner Tagblatt herzlich für die Möglichkeit, euch auf dieser Reise mitzunehmen.

Vielleicht bis am 11. und 12. Dezember 2026 bei der Track Cycling Challenge im Tissot Velodrome in Grenchen, wo uns spannende Rennen und packende Duelle erwarten!